„Meine Mutter hat mich mit Tönen gefüttert“

„Meine Mutter hat mich mit Tönen gefüttert“, sagt eine Chorsängerin vom Inklusionschor aus Enniger im Münsterland. Die Frau, die ihn ausspricht, lebt mit starken spastischen Bewegungsstörungen, mit Krämpfen, die den Körper nahezu dauerhaft blockieren. Doch beim Singen entspannt Ihr ganzer Körper und mit dieser Entspannung wird etwas möglich, das im Alltag oft mühsam ist: Sie kann sich leichter und besser artikulieren.

Solche Geschichten sind einer der Gründe, warum es „Hier klingt’s mir gut“ gibt. Hier werden Chöre und Ensembles ermutigt und unterstützt, sich für häufig übersehene oder marginalisierte Personengruppen zu öffnen. Zugleich sind sie der Punkt, an dem viele Chorleiterinnen und Chorleiter völlig berechtigt innehalten. Denn so bewegend das ist: Ein Chor ist keine therapeutische Einrichtung. Chorprobe ist keine Therapie. Ein Chor trifft sich, um gute Musik zu machen, um Stücke zu erarbeiten, um Stimmen zu formen, nicht in erster Linie, um Menschen zu „behandeln“. Gerade weil diese Unterscheidung so wichtig ist, lohnt es sich, genauer hinzusehen, was inklusive Musikpraxis im Kern überhaupt meint und warum sie nicht gegen die musikalische Arbeit steht.

„Hier klingt’s mir gut“ ist ein Projekt, das genau diese Brücke schlagen will: zwischen dem Wunsch nach Teilhabe und dem ganz normalen Probenalltag in Chören und Ensembles. Träger des Projekts ist der Allgemeine Cäcilienverband für Deutschland, der Kopfverband der katholischen Kirchenmusik in Deutschland. Begleitet wird es von Förderern und Paten wie Bundespräsident a.D. Christian Wulff. Während der letzten drei Jahre wurde immer wieder deutlich, dass es beim Thema Inklusion in der Musik um ein Anliegen geht, das bereits heute Rückenhalt in der Gesellschaft besitzt.

Für viele Chöre ist Inklusionsarbeit bereits heute selbstverständlich: im Probensaal, im Gemeindesaal, im Vereinsheim. Viele Chöre sind, ohne es so zu nennen, bereits inklusiver, als sie glauben. Nicht weil alles automatisch barrierefrei wäre, sondern weil Chorarbeit ein Prinzip kennt, das in sich schon Gemeinschaft trägt. Es ist ein Fakt: Niemand kann für sich allein singen. In diesem Sinn ist der Chor eine der ältesten Formen gelebter Teilhabe.

Gleichzeitig scheitert Inklusion in der Praxis selten am guten Willen. Sie scheitert an Unsicherheit in der Kommunikation, an Rahmenbedingungen, die nicht mitgedacht oder gegeben sind.

Hier setzt „Hier klingt’s mir gut“ an, als praktische Umsetzungsstütze. Das Projekt sammelt Beispiele aus der Chorarbeit, macht gelingende Praxis sichtbar und bringt Menschen zusammen, die ähnliche Fragen haben. Es schafft eine Plattform, auf der Chöre voneinander lernen können wie Proben strukturiert werden, wie Kommunikation gelingt, wie Verlässlichkeit entsteht, wie man Mitwirkende begleitet, ohne sie auszustellen. Es geht um Orientierung, um Austausch, um Netzwerk und um Sichtbarkeit für jene Chöre, die zeigen möchten, dass sich Inklusion in vielen kleinen, aber wirkungsvollen Entscheidungen ausdrückt.

Dabei ist die größte Falle die, in die inklusive Projekte in der Wahrnehmung schnell geraten: die Therapeutisierung. Sobald eine Geschichte erzählt wird wie die dieser Frau mit den spastischen Krämpfen, entsteht sofort die Versuchung, Singen als Medizin zu beschreiben, als etwas, das „guttut“. Doch genau damit redet man am Choralltag vorbei. Der Chor schafft einen Raum, in dem Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen auf eine Weise miteinander sein können, die im Alltag oft nicht vorgesehen ist. Das geschieht aber meist nach Leistung gestaffelt, mit einer klaren Rolle und einer klaren Aufgabe.

Weil Chorleitungen zurecht sagen: Wir wollen Musik machen, darf die zweite große Sorge nicht ausgespart werden. Dabei geht es um die Qualität. Kaum fällt das Wort Inklusion, taucht in manchen Köpfen der Gedanke auf, dass das musikalisch weichgespült werden müsse, dass mehrstimmiges Singen schwieriger werde und anspruchsvolle Literatur nicht mehr möglich sei, dass man am Ende „nur noch“ einfache Lieder singen könne. Diese Sorge muss man bei einer gezielt inklusiven Öffnung ernst nehmen.

In unserem Projekt haben wir aber echte Gegenbilder erlebt, etwa beim inklusiven Chor Thonkunst aus Leipzig. Die Leiterin Jana Hellem sagt ganz klar, dass es ihr Anspruch gewesen sei, mit sehr guten Musikerinnen und Musikern auch vierstimmig im Ensemble zu singen. Das hat sie realisiert und zeigt: Inklusion und musikalischer Anspruch schließen sich nicht aus.

„Hier klingt’s mir gut“ will genau auch diese Erfahrung teilen und verstärken und zwar so, dass sie für Chöre unterschiedlicher Größe und Ausrichtung anschlussfähig bleibt. Geeignet ist das Projekt nicht nur für bereits bestehende inklusive Ensembles, sondern ebenso für den Männerchor, den Kirchenchor oder den Gemischten Chor, der sagt: Wir würden uns gern öffnen, wissen aber noch nicht genau wie. Für Chöre, die erste Kontakte zu Einrichtungen haben oder sie knüpfen möchten. Für Chorleitungen, die unsicher sind, wie man mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen umgeht. Und genauso für Chöre, die längst inklusiv arbeiten, das aber bisher nirgends erzählen.

Melden Sie sich, wenn Sie mit Ihrem Chor Teil dieser wachsenden Praxis werden möchten! Ob als Chor, der schon mittendrin steckt, oder als Chor, der einen ersten Schritt sucht.

Meine Mutter hat mich mit Tönen gefüttert. Wie viele unterschiedliche Sängerinnen und Sänger können das von sich behaupten!

~ Matthias Slunitschek
Zuerst erschienen in der Chorzeit, Februar 2026

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