Musik fühlen statt hören: Ein Interview mit Calvin Khan

Calvin Khan entwickelt Musik jenseits klassischer Hörgewohnheiten: Statt Melodien und Texten stehen tiefe Frequenzen im Mittelpunkt, die vor allem über den Körper wahrgenommen werden. Als tauber beziehungsweise schwerhöriger Künstler nutzt er technische Hilfsmittel, um Klang in Vibrationen zu übersetzen und so eine alternative Form des Musikerlebens zu schaffen. Im Interview spricht er über seine Arbeitsweise, seine künstlerische Motivation und darüber, warum Musik nicht zwingend gehört werden muss, um wirksam zu sein.

Wie macht man als tauber bzw. schwerhöriger Mensch Musik?

Für Low-Frequency-Sound benutze ich beim Produzieren meine haptische Weste. Diese überträgt tiefe Frequenzen in Vibrationen, die ich direkt am Körper spüren kann. Quasi wie ein kleiner Subwoofer, den ich direkt am Körper trage. Meine Musik fokussiert sich auf Frequenzen unter 300hz, also alles was mehr am Körper spürbar als hörbar ist. Mit Hilfe meiner Hörgeräte kann ich die tiefen Frequenzen teilweise auch hören, verlasse mich aber mehr auf das Spüren. Ohne meine Hörgeräte fokussiere ich mich noch stärker darauf, wie die Vibrationen sich anfühlen oder welche Wirkung sie auf mich haben. Ohne dem Hörsinn ist mein haptischer Sinn stärker ausgeprägt.

Für wen machst du Musik?

Ich verfolge keine bestimmte Zielgruppe, da Low-Frequency-Sound sowohl von hörenden als auch nicht-hörenden Menschen wahrgenommen werden kann. Aber natürlich ist es so, dass vor allem Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung basslastige Musik besser wahrnehmen können als Musik, die beispielsweise viel Melodie oder Vocals (Text) dabei hat. Da spreche ich auch aus eigener Erfahrung. Aber ich denke in der Deaf-Community gibt es ein breites Spektrum, welche Musik gerne gehört bzw. gefühlt wird und es hängt auch davon ab, ob man Musik mit oder ohne Hörhilfe (Hörgeräte oder Cochlea Implantat) wahrnimmt. Ich freue mich, wenn ich mit meiner Musik, wenn man sie als Musik bezeichnen kann, alle Menschen erreichen kann und eine besondere Erfahrung bieten kann, die vor allem auf das Spüren der Vibrationen abzielt. 

Muss sie tanzbar oder schön sein? Spielen Kategorien wie schön überhaupt eine Rolle für dich?

Sie muss erstmal gar nichts. Spaß beiseite. Also ich forsche an dieser Art von Sound nun seit 2 Jahren und ich finde sie kann sowohl tanzbar, als auch meditativ sein. Wie eine Art Vibrations-Massage die dabei helfen kann, sich mehr auf den Körper zu fokussieren in einer Zeit, in der wir Menschen sehr stark mit dem Verstand verbunden sind und unseren Körper oft vergessen. Eine Kategorie wie „schön“ spielt dabei eher keine Rolle für mich. Aber wenn sie als schön wahrgenommen wird, freue ich mich natürlich darüber!

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