„Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen“!

„Singen“ sei „die eigentliche Muttersprache des Menschen“, so definierte schon vor vielen Jahren der große Instrumentalvirtuose, Yehudi Menuhin, den natürlichsten Zugang zur Musik, also durch das Selbst-Tönen im Gesang. Er hatte dabei nicht an die ausgebildete Profistimme gedacht, sondern an das jedem Menschen innewohnende Vermögen, neben der Sprache auch physikalisch messbare Frequenzen mit unserem Stimmorgan zu erzeugen, die wir selbst und andere als etwas Besonderes wahrnehmen und das uns auf ganz eigene Art berührt. Dies spiegelt sich auch im Wort SingAnimation: Gesungener Klang wird als etwas Beseeltes empfunden, das aus der Vielfalt menschlicher Emotionalität herauswächst. Ob es sich nun um die lautstark artikulierte Freude im Fußballstadion, das eher bescheidene Vor-sich-Hin-Summen in einer individuell erlebten Situation kleinen Alltagsglücks oder das wonnige Gefühl unter der warmen Dusche handelt. Singen ist jedem Menschen als Ausdrucksmittel selbstverständlicher gegeben, als es uns in der digitalen Umhüllung der aktuellen Lebenswelt  scheinen will. Sicher hat diese digitale Zwanghaftigkeit, der man sich nur schwer entziehen kann, auch zu einem Verstummen der Singstimmen und des singenden Menschen geführt und vielfach lassen wir lieber singen, als es selbst zu tun. Aber die vielen großen und kleinen Chöre der unterschiedlichsten Zusammensetzung und musikalischer Zielorientierung und an den unterschiedlichsten Orten in ländlicher und städtischer Umgebung zeigen Singen eben nicht nur als eine menschliche Grundfähigkeit, sondern auch als ein menschliches Grundbedürfnis.

Warum dann aber Animation, wenn doch alles so selbstverständlich zu sein scheint? Es darf ehrlicherweise nicht verschwiegen werden, dass es natürlich Hemmungen individueller und gesellschaftlicher Art gibt, die einem spontanen oder auch regelmäßigen Singbedürfnis entgegenstehen. Alter, ethnische Identität, gesellschaftliches Umfeld, Behinderungen und vieles mehr lassen es oft nicht zu, sich ungehindert der Freude am Singen zu widmen. Oft steht man sich auch selbst im Wege mit der oft zu hörenden Ansicht „ich kann ja nicht singen“, „ich habe keine gute Stimme“, „ich trau mich nicht“, „ es ist mir peinlich…“

Deshalb geht es bei der SingAnimation zunächst einmal darum, Mut zur eigenen Stimme zu finden, was in der Gruppe meistens besser funktioniert, als allein und wenn erst einmal der bekannte Song oder das schon seit der Kindheit bekannte Volkslied mit dem animativen Schwung eines Singleiters, der kein Chorleiter sein muss, anfängt aus der einzelnen Kehle herauszuklingen zu lassen und sich mit Nachbarin und Nachbar verbindet, ist häufig das Eis gebrochen. Dann ergibt sich der Wunsch, weiter zu singen und so wird schnell aus einem Singimpuls eine regelmäßige Singveranstaltung in diversen Strukturen und Zusammensetzungen auf privater und institutionalisierter Ebene. Ich kann mich noch gut aus meiner Zeit als Musikschulleiter daran erinnern wie erfolgreich die Idee war, die Mütter aus den Eltern-Kind-Gruppen der Musikalischen Früherziehung zu einem „Mütter-Singkreis“ zusammen zu führen, der sich regelmäßig alle 14 Tage traf. Das war nicht nur für die Kinder eine großartige Bereicherung der mütterlichen Singlust, sondern auch für die Mütter eine Bereicherung ihrer musikalischen Kompetenz. So etwas funktioniert auch in Seniorenheimen, in Krankenhäusern, Kurkliniken oder Pflegeheimen, vorausgesetzt es findet sich eine Person, die aufgrund eigener Identifikation mit dem Singen Mut zur Animation entwickelt.

So ist der Gedanke, als Chorverband diese Multiplikatorenarbeit durch kompakte Fortbildungsveranstaltungen zu erweitern und zu unterstützen, nur folgerichtig!
Material und didaktische Hilfen für die Vermittlung und auch ein individuelles stimmliches Basic-Training werden dabei angeboten und in der Seminargruppe erweitert. Jede und Jeder soll wieder Mut zum Singen aus sich selbst bekommen, um andere zu motivieren. Überflüssig zu sagen, dass bei diesen Impulsveranstaltungen und beim Weitertragen der Erfahrungen mit eigenen Veranstaltungen, eine große Ambiguitätstoleranz grundlegend ist. Das meint umgangssprachlich: jeder darf (zunächst) singen „wie ihm der Schnabel gewachsen ist“, denn die Gruppe ist kein Chor mit künstlerisch hochgesteckten Zielen. Ausschließen kann man aber nicht, dass sich bei kontinuierlichem Singen die Qualität gleichsam von selbst verbessert. Wie die anleitende Person hierbei auch geschickt in dieser Richtung weiterhelfen kann, ist Aufgabe der schon erwähnten didaktischen Tools in einem Fortbildungsseminar und sollte das erklärte Ethos jeder sing-animativen Veranstaltung sein.
Wie gesagt: „Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen“!

Prof. Thomas Holland-Moritz

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